Auf den Spuren von Mathilde

Die Gräfin und die Stadt, Die Pfarrhäuser und das Kloster

Il chiostro di San Simeone
a San Benedetto Po

Auf den Spuren von Mathilde

Die Gräfin und die Stadt

Die Strecke läuft durch das mantuanische Land, in welchem sich die Geschichte der Mathilde von Canossa abspielte, welche in Mantua begann, wo die "Comitissa" 1046 geboren wurde; ihr Vater Bonifacio di Canossa und ihre Mutter Beatrice di Lorena hatten hier ihre Residenz, da Mantua eine strategische Position inmitten der Canossa-Besitzungen hatte. Schriften dokumentieren die frühere Existenz eines Palastes, bzw. eines Hofsitzes, von dem wir heute leider keine Spuren mehr finden. Im Geburtsjahr von Mathilde ließ Beatrice anlässlich der zweiten Entdeckung des Heiligen Bluts von Jesus Christus das Sant’Andrea-Kloster erbauen. Das Blut wird noch heute in der Krypta der Basilika von Sant’Andrea aufbewahrt, die 1472 auf Befehl vom Marchese Ludovico II Gonzaga durch Leon Battista Alberti wieder neu aufgebaut wurde. Im Jahr 1502 nach dem Tod ihres Vaters und ihrer Geschwister blieb die junge Mathilde die einzige Erbin des Canossa-Feudalvermögens, das sich über die Gebiete Lucca, Ferrara und Brescia erstreckte und zu dem natürlich auch Mantua gehörte. Das Verhältnis zwischen der vergilischen Stadt und der Gräfin war nicht problemlos; sie war bei der Bevölkerung alles andere als beliebt, sie dagegen liebte die Stadt Mantua sehr. Ihr Berater und gleichzeitig ihre geistige Stütze war Anselmo da Baggio, Bischof von Lucca, der heute der Schutzheilige unserer Stadt ist: hier starb er 1086 und wurde nach kurzer Zeit durch das wütende Volk heilig gesprochen. Der unverdorbene Körper von S. Anselmo wird im Dom verwahrt und wird jedes Jahr am 18. März aufgebahrt, um von seinen Gläubigern veehrt zu werden. Ein deutliches Zeugnis Mathildes Aufenthalt in Mantua ist die älteste Kirche der Stadt: die Rotonda di San Lorenzo, ein heiliger, zauberhafter und gleichzeitig symbolischer Ort. Das Denkmal, das auf 1083 zurück geht, wurde sehr wahrscheinlich von der Gräfin in Auftrag gegeben . Es scheint, als hätte sie die Absicht gehabt, die Hofskapelle von Aachen zu kopieren, denn auch diese Kapelle hat einen kreisförmigen Grundriss; innen kann man eine Empore sowie Fresken bewundern.

Die Pfarrhäuser und das Kloster

Die ländliche Umgebung war eine sehr fruchtbare Ansiedlung von Religionsgemeinschaften, die die Gräfin durch mehrere Spenden unterstützte. Heute kann man bei diesen Pfarrhäusern im Südteil des mantuanischen Gebiets noch wunderschöne Spuren der Vergangenheit finden. Diese Kirchen waren zuerst Durchfahrtsorte für Wallfahrer, die nach Rom fuhren, und wurden dann selbst auch zu Wallfahrtsorten. Wenn man von Mantua auf der Cisa-Staatsstraße 62 nach Süden fährt, kann man kurz nach Suzzara in das kleine Dorf Palidano, das in der Antike "Lectum Palludanum" hieß; hier steht die San Sisto-Kirche, die schon 1105 dem Kloster in Polirone geschenkt wurde. Von dem ursprünglichen romanischen Aussehen bleiben heute nur die Lisenen und die Hängebögen des Glockenturms.

Nur 3 km von Palidano entfernt liegt Gonzaga, ein weiterer Kanossa-Großgrundbesitz, wo sich nach einigen Jahrhunderten die Gonzagas-Dynastie niederließ; heute sind im Zentrum des Dorfes noch einige Zeugnisse der Renaissance-Residenz der Gonzagas zu sehen, und zwar genau da, wo man eine ehemalige Burg vermutet, die sich im Besitz der Canossas befand. In etwas versteckter Lage befindet sich die San Benedetto Abate-Kirche: schon 967 entstand wahrscheinlich eine Kapelle, die dem Heiligen geweiht war. Mathilde schenkte dem Polirone-Kloster die Kirche, die dann ein klösterliches Priorat wurde. Das romanische, zwischen dem elften und dem zwölften Jahrhundert errichtete Gebäude wurde mehrmals umgebaut, hat aber durch kürzlich durchgeführte Renovierungsarbeiten zumindest teilweise wieder seine antike Gestalt wiedergewonnen. Ein weiteres wertvolles Religionskunstzeugnis in Gonzaga sind die überreste des Santa Matia-Klosters aus dem fünfzehnten Jahrhundert, zu deren Anlass die berühmte Messe veranstaltet wird, die bis heute die "Millenaria"-Messe genannt wird. Nur wenige Meter nach der Grenze mit dem Reggio Emilia-Gebiet, auf der Strecke von Gonzaga nach Bondeno, befindet sich das Ortsschild "Bondanazzo di Reggiolo", wo Mathilde wahrscheinlich ihre letzten Lebenstage verbrachte. Dieser Ort ist liegt unweit des Polirone-Klosters. Wenige überreste lassen darauf schließen, dass Mathilde in diesem Ort zu Ehren des Heiligen Giacomo (San Giacomo) eine Kapelle errichten ließ. Das Haus, in dem heute eine Bauernfamilie wohnt, hat zwar nicht mehr sein ursprüngliches Aussehen, aber man kann trotzdem schon von außen sehen, dass es sich nicht um einen einfachen Hof handelt. Im Haupteingang kann man eine wunderschöne Decke mit kleinen Wölbungen, die mit Konsolen aus rotem Backstein geschmückt sind, bewundern; Spuren wertvoller Fresken mit religiösen Themen, vermutlich aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die ursprünglich großflächige Wandmalereien waren, sind durch eine Treppe fast versteckt. Da es sich hier um ein Privatgrundstück handelt, darf es leider nicht besucht werden.

Man fährt dann nach Pegognaga (Ausschilderung zur A22-Autobahn folgen), wo schon von weitem die San Lorenzo-Pfarre aus den ersten Jahrzehnten des zwölften Jahrhunderts erkennbar ist. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wollte man durch Renovierungsarbeiten die ursprüngliche Form wieder herstellen, aber leider wurde die Gebäudestruktur dadurch nur entstellt. Drei Apsiden sowie der nördliche Kopf des Queschiffs sind Originalelemente. Die Kirchenunterteilung besteht aus drei Schiffen, die durch zylindrische Pfeiler mit Eckblattkapitellen geteilt sind. Das Presbyterium erhebt sich über der erst vor kurzem umgebauten Krypta.

Weiter fährt man nach San Benedetto Po, wo 1007 Tedaldo di Canossa das benediktinische San Benedetto di Polirone-Kloster, das "Montecassino Norditaliens", gründete, was Mathilde sehr liebte. Im elften Jahrhundert teilte sich der Po-Fluss in zwei Abzweigungen: den alten Po-Fluss und den Lirone-Fluss. Beide Abzweigungen verliefen um die Insel, auf der dann das Kloster errichtet wurde. Bonifacio schenkte große Landflächen, die durch die Mönche urbar gemacht wurden, und auch Spenden von Mathilde erlaubten dem Zönobium, dass es zu den wertvollsten Klöstern Italiens zählt. Die Canossas behielten sich das Recht vor, den Abt zu ernennen, sein Handeln zu beaufsichtigen, und stets alle endgültigen Entscheidungen selbst zu treffen. Das Kloster glänzte als Kultur- und Arbeitszentrum, und noch heute kann man viele wunderschöne Handschriften bewundern, die damals in feinster Kleinarbeit entstanden sind.

1077 schenkte Mathilde dem Papst Gregorio VII die Abteikirche, die dann der Gerichtsbarkeit von Cluny unterstand; dieses erfolgte nach dem berühmten Ereignis in Kanossa, zwischen dem Kaiser Enrico IV und dem Papst Gregorio VII, als die Gräfin als Mittelsperson handelte. Später wurde die romanische Santa Maria-Kirche in das Spätgotikgebäude, wie wir es heute kennen (ca. 1437-1448), sowie in die derzeitige, von Giulio Romano restaurierte Kirche (1540-1544) eingegliedert. Im sechzehnten Jahrhundert konnte man die Abteikirche in ihrer höchsten Pracht sehen; Giulio Romano, Correggio und Antonio Begarelli haben an dieser Kirche mitgewirkt. Bedeutende Gäste waren Martin Luther, Teofilo Folengo, Palladio, Giorgio Vasari und Torquato Tasso, sowie der Papst Paolo III. Die drei Spätgotikklöster, der große Speisesaal, die von Giulio Romano restaurierte Basilika, sowie die überreste eines wunderschönen romanischen Mosaikfußbodens beim S.Maria-Oratorium sind bedeutende Kunstschätze. Die neunundsechzig-jährige Mathilde wollte in dieser Abteikirche mit der Kutte der benediktinischen Klosterschwestern begraben werden, als sie am 24. Juli 1115 starb. Ihr Leichnam wurde einige Male innerhalb des Abteikomplexes verlegt, bis sie schließlich endgültig in die Sakristei der Basilika gelegt wurde. Ihr Grab wurde im sechzehnten Jahrhundert durch ein Gemälde von Orazio Farinati geschmückt, das eine kriegerische, reitende "Comitissa" darstellt, die als Weisheits- und Wohlstandssymbol einen Granatapfelzweig in ihren Händen hält. 1632 wurden die sterblichen überreste Mathildes auf Befehl von Papst Urbano VIII aus San Benedetto Po entwendet. Nun ruhen sie in der San Pietro-Basilika im Vatikan in dem prunkvollen, von Bernini errichteten Denkmal, weit weg von dem Ort, den sie so liebte. Eine weitere Kirche in San Benedetto Po, die San Floriano-Pfarre, ist ebenfalls mit den Kanossas zu verbinden: sie wurde in der ersten Mitte des elften Jahrhunderts durch den Vater von Mathilde, Bonifacio, errichtet. Von der antiken Pracht bleibt ein bedeutungsvoller Glockenturm, der auf die Zeit der Jahrhundertwende zwischen dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert zurück geht. Fährt man aus San Benedetto in Richtung Quistello, gelangt man auf der rechten Seite zu einer Straße, die zur kleinen Santa Maria di Valverde-Kirche führt, die sich in Privatbesitz befindet. Die Struktur besteht aus Gotik- (der Glockenturm) sowie romanischen Elementen (die Apsis), und wurde 1445 restauriert. Im Innenteil der Apside am Triumphbogen sticht besonders ein großes Fresko hervor, welches wahrscheinlich ein Werk von Malern der Spätgotik ist. Nicht weit von Quistello, auf der Strecke nach Quingentole, liegt eine fast unversehrte romanische Pfarrkiche bei Nuvolato, die San Fiorentino-Kirche. Die ursprüngliche Struktur war wie ein lateinisches Kreuz, mit einem einzigen Kirchenschiff und zwei heute nicht mehr vorhandenen seitlichen Kapellen. Die seitlichen Schiffe wurden im achtzehnten Jahrhundert gebaut. Sowohl die durch Halbsäulen dreigeteilte Fassade, als auch das äußere der Apsis sind durch Hängebögen eingerahmt. Der Glockenturm geht hingegen auf das siebzehnte Jahrhundert zurück. Sehr interessant ist auch das Innere: in der Apside sind noch Fresken aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zu sehen. Dargestellt werden San Fiorentino, der auf einem Pferd reitet, die Madonna mit Jesuskind, sowie der Heilige Simonino.

 

  • La facciata della pieve dell'Assunta a Felonica
  • San Fiorentino a Nuvolato
  • La pieve di San Lorenzo
a Pegognaga
  • San Benedetto Po:
la basilica Polironiana